• Hier gibts tagesaktuelle und frühere Texte über alles Mögliche. Alles kostenlos und nur zu einem Zwecke: Lest und habt Freude daran. Unten könnt Ihr auch Euren Senf dazu geben. Viel Spass, Euer Ax.

GEFROREN


Flügel schlagen letztmalig, der Sand 
knirscht zwischen den Zähnen und auch
die Küsten verschwimmen im Hauch
der Himmelsgesichter.

Die Beinchen der Wörter zersplittern
zu gläsernen Haufen und
alles hält sich gegenseitig 
fest auf immer.


IN DER MITTE

Wenn du in der Mitte steckst dreht sich alles oben war unten ist oben und links rechts halb ganz der Atem stockt von links kommt rechts links rechts rechts links gequetscht die Knochen und  Organe aussen innen wo ist die Mitte unter der Haut ein: Ich kann nicht weggehen denkt es fließt es knurrt es pressen schlafen staunen starren fluchen ahnen und ohne Ausweg zerrieben zwischen den Blöcken zu Staub zerfalln bei Tag nicht und bei Nacht doch
oder andersherum ich weiß es nicht.

LICHT AUS, MESSER RAUS

DIE WIEDERGEBURT DER ALTEN KAMPFBEGRIFFE


 Wir klammern uns an die Kampfbegriffe der Väter und Großväter, als wäre irgendetwas noch wahrhaftig an ihren moralischen Bewertungen. Als  hätten Entdeckergeist und Abenteuerlust, Klugheit, Zärtlichkeit und Kampfgeist, Kreativität und Humor heute (und vielleicht jemals) damit zu tun, welche Postion im politischen Angebot einem nahe ist, ob man mehr übers Gestern nachdenkt oder übers Morgen und ob man etwas besitzt oder nicht... Stalin und Hitler sitzen besoffen in der Hölle und feiern Triumphe, denn die Deutschen laufen immer noch per Vokabular und Sichtweise unter ihrem Befehl. Nichts kann unabhängig vom alten links rechts Schema betrachtet werden, überall nur Nazis und Faschos und Kommunisten, die den opis das Geld wegnehmen wollen. Keine Künstlerische Veräußerung kann in ihrer Widersprüchlichkeit betrachtet werden. Wer nicht für mich ist ist gegen mich. Ein Haufen von Klassenkämpfern in Verbrennerlimousinen und Elektroschiffen spielt Spanischen Bürgerkrieg und hat im Supermarkt 17 Tomatensorten zur Auswahl. Aber egal ob links oder rechts, alle haben sie stetig Sex mit dem Weltuntergang. Egal ob an Überfremdung oder Kohlendioxyd, wir werden alle morgen früh tot sein. Und das ist auch irgendwie geeeiiilll.

Eine Farce von politischem Überbewusstsein, scheinbar sehr informiert, aber vor allem dumm, weil es die wichtigste Eigenschaft der Spezies  hat zertrampeln lassen. Empathie. Die kann einem ja auch Angst machen.... und deshalb verbieten wir uns lieber gegenseitig den Mund. Und denken und sprechen in den Kategorien unserer modernden Vorväter von Gut und Böse.

Es wäre gut, die viel gescholtene Hufeisentheorie als hilfreich zu verstehen. Sie steht nicht nur für die Ähnlichkeit der Methoden der Extremisten,, sondern auch dafür, dass sich die Schlange in den Schwanz beisst und die Schleife nicht vom Fleck kommt.  Vor allem für uns Deutsche: utopisch denkende Menschen können amüsant und hilfreich und sehr wichtig sein, wenn ihnen konservativ fühlen und denkende Menschen erzählen, was bewahrenswert wäre und so ist es natürlich umgekehrt. Wenn wir nicht in der Lage sind, endlich erwachsen zu werden und uns aus dem Links Rechts Teufelskreis zu befreien, werden wir den schon längst geänderten Anforderungen der Welt nicht antworten können. Die Schablonen aus den Strassenschlachten früherer Zeiten passen schon lange nicht mehr. Die grosse Anforderung an uns ist heute, dem Gegenüber wieder zuzuhören.


"Ich habe Angst vor meinem eigenen Schatten" STALIN zu SCHUKOW


 

ERFROREN AM WEGESRAND

Deutsche Panik vor Schnee
09. 01. 2026


Wer hat all den Wetterheinis und Journalistendarstellern die Gehirne antarktisiert, wer das Internetz geflutet mit den Trommelrhythmen einer Weltuntergangssekte, die aus Schneefall und Blitzeis das Armageddon formt? Woher stammen all die Warnungen, die Vorsichtigkeiten und Ängste, die hysterischen Liveschaltungen aus schneebeflockten Strassenfluchten und warum flüstern alle Kanäle besorgt, schreiben die Schulen ihre berühmten Verantwortungsabgabemails, um nicht schuldig zu werden an unzähligen Knochen und Schädelbrüchen, an wegen Gefrierbrand amputierten Kinderhänden und schockgefrosteten Nachzüglern, die es nur bis zur Schultür schafften um dort zu verenden?

Woher kommt diese Angst vor der Flocke, dem Eis und dem kalten Wind? Und ist es gerecht, dem anziehenden Killerblizzard  einen Mädchennamen zu geben?
Stapften wir nicht als Kinder fröhlich durch den frischgefallenen Schnee, fingen mit den Mündern die Kristalle aus der Luft und trotzten mit roten Nasen und Backen den Froststürmen, hüpften in Gruppen kreischend auf unabgesperrten Eisflächen herum und liebten das Leben?

Ist es nur die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die ihre Kids in Panzern von Termin zu Termin kübelt, weil überall Gefahren lauern aus Hundekothaufen, Viren, Bakterien, Sporen, Pilzkulturen, einer Gesellschaft eben, die Wetter  zwingend mit Weltuntergang verbunden hat als Strafe der Natur, Gottes, des Weltgeistes an uns Sündern und Tätern? 
Sind diese Ängste vielleicht Teil der Hochkultur des Arbeitsschutzes? Lauert doch hinter jeder Bewegung ein Unfall und hinter jedem Luftzug eine schwere Verletzung, hinter jeder Jahreszeit der schreckliche Tod durch Verdunstung, Glatteis oder Austrocknung des Gaumens? Und lauert nicht hinter jeder tödlichen Bedrohung auch ein glücklich lächelnder Arbeitschutzbeamter, der von einer Behörde gut bezahlt werden sein will?

Sind wir Opfer eines Sicherheitsdenkens, dass uns langsam aber sicher jeden Spaß und Genuss versaut? Das uns die Eier abgeschnitten und die Eierstöcke rausgerissen  hat, damit wir ewig leben aber freudlos?

Oder ist es gut für den Kapitalismus, wenn wir alle nur noch Schiss haben?  Verdienen sehr viele aufgeregt tuende Menschen an unserer Angst und kippen sich nach Feierabend feixend einen hinter die Binde? Lässt man sich besser lenken, von Furcht gelähmt, weil draußen MITTELEUROPÄISCHES WINTERWETTER herrscht?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir alle überleben werden. 

Und dann kommt irgendwann der Frühling und mit ihm der Pollenflug und dann krepieren wir aber endlich wirklich, wenn wir nicht vorher beim Ausfüllen irgendeiner 7 Fach Authentifizierung verhungert sind.



DIE BAHN DIARIES und Anderes

Beeindruckend, Deutsche Bahn:


warn deine Events bisher auf Spannung, Humor und Abenteuer ausgerichtet, willst du jetzt mit sozialethischen Experimenten ins Feuilleton!
Meine Abenteuercard 50 erhielt ungefragt einen Upgrade, mittenmang in eine Version des berüchtigten LOTTOGEWINN EXPERIMENTS.

Beim Einstieg in den Sprinter (köstlicher Humor der Kosenamen) auf dem Weg in die Heimat, teiltest du erst beim Einfahren desselben mit, dass, na? genau, die Wägen umgedreht gereinfolgt seien. Eine schlagartige Bahnsteigsvölkerwanderung im Dauerlauf war die Folge. Rollkoffer hübbelten hysterisch über fremde Füsse, Kaffee schwappte und manch einer kam dem einfahrenden Zug nicht ungefährlich nahe. Ausser Atem und jetzt schon äußerst gespannt, was du dir da schon wieder ausgedacht haben mögest, stand ich mit den Andern vorm Einstieg zu meinem Wagen 21. Ich ließ noch charmon eine Dame vor und säuselte dabei ein lässiges BITTE NACH IHNEN, ICH HABE EINE PLATZKARTE, um ihr ebenso lässig zu folgen....

Die Tür zum Wagen 21 war zu. Mit Signalband abgesperrt. Alles verdunkelt. Auch der dahinterliegende Wagen Nr. 22 nicht erreichbar. Menschen stauten sich, Rollkoffer kläfften sich an. Erstaunen. Irritation. Dann löste das KOMMANDOCENTER die nächste Stufe aus. Die Schaffnerin entschuldigte sich scheinbar traurig durchs Lautsprechersystem, dass die zwei Waggons heute aus Gründen nicht betreten wollen werden dürften. (Doch bin ich geübter Extremsportler und nickte nur grinsend, wieder mitten in einem deiner Reiseevents. ) IMMER DIESSELBE SCHEISSE fluchte neben mir ein Mann mit Laptop unterm Arm. Ich zwinkerte ihm aufmunternd zu, war er doch Teil eines der mutigsten Entertainmentprogramme der Neuzeit.

ABER WIR FREUEN UNS IHNEN MITTEILEN ZU KÖNNEN DAS SIE SICH ÄH...... EINEN FREIEN SITZPLATZ IN DER ERSTEN KLASSE AUSSUCHEN DÜRFEN!

Ein Ruck ging durch die im Gang aufgestauten Massen. Aus Resignation in den Augen wurde Verwirrung, dann Erkenntnis, dann Freude (Upgrade) dann schlagartig Panik (wir sind ja viel zu viele!!!).
Nach kurzer Schockstarre spürte man einen tiefen kollektiven Atemzug und die ca 50 bis 60 Menschen setzten sich in die entgegengesetzte Richtung in Gang. Durch den Mittelweg hetzend, rumpelnd und schimpfend, die Mitropa überwindend, drängte man zum Licht, in die erste  Klasse zur vermeintlichen Beinfreiheit, Schaumwein und Stewardessen, die einem den Nacken massierten. Ein Wunder das niemand bei dieser Stampede niedergestossen und in den samtweichen Teppich gedrückt wurde, oder gleich, wie einst in DER TAG DER HEUSCHRECKE, gänzlich zu Tode getrampelt. Ich war mittendrin, ja, auch ich wollte in den Himmel und lange vorm Shangri La stoppte der Zug der Menschen ohne Platz im Zug. Aus der ersten Klasse vor mir drangen wüsste Schimpfkanonaden. NEHMEN SIE DOCH IHRE TASCHE VOM SITZ ODER IST DAS IHR SOHN
fluchte einer aus dem 2. Klassepräkariat während eine Dame rief ICH HABE DOCH NICHT 50 Euro MEHR BEZAHLT UM MIR JETZT DAS VIRUS EiNZUFANGEN!
Da hatte sie nicht ganz Unrecht, doch es nutzte ihr nichts: Schub um Schub wurde die erste Klasse in einen Deportationswaggon aus Doktor Schiwago verwandelt. Taschen gequetscht. Plätze glücklich annektiert. Schweiss vermischte sich mit Chanel No 5 zu einem Duft von Thunfisch und die Zeit der erkauften Distanz war für die Haute Volee nun vorbei. Ja, ein kurzer Moment revolutionärer Stimmung hing in der Luft. TAX THE RICH!
Natürlich war da weitaus nicht Platz für alle und resigniert drehten andere Zuspätkommer und so auch ich um, schlurften zurück und setzten sich erstaunt auf die zahlreichen vorhandenen Sitzplätze des Restzweiteklassenwagens, die uns gar nicht so richtig aufgefallen waren, als wir ihn auf unserer Jagd nach dem kostenlosen Glück durchhetzten, hin zu einer scheinbar besseren Welt. Mensch um Mensch nahmen wir erstaunt neben anderen Menschen Platz und Frieden machte sich breit.
Frieden und Ruhe. Und Erkenntnis.

Und so ist es geschehen 


Töten ist nichts Kompliziertes. 


Jeder tötet ununterbrochen sich selbst und den andern durch eine ausgebliebene Zärtlichkeit einen Schrei einen Schlag einen Stich. Wenn ich etwas kaufe töte ich irgendwo auf diesem Planeten ein Kind das aussieht wie ich als ich klein war. Daran ist nichts Geheimes denn alles läuft auf den Tod hin. Deshalb soll alles so sauber sein so porentief rein wir töten die Viren und Farben auch den Geruch die Spuren des alltäglichen Mords denn mit Macht wollen wir leben. Mit Drahtballen schrubben wir die Rückstände fort unserer Mordlust aber vorher braten wir Föten von Vögeln und später gehn wir hinaus und vergessen unsere Tat. Doch vergessen ist ja auch totmachen von Erinnerung und deshalb erfinden wir Gründe um Dinge zu bauen die Fleisch und Erinnern in Atome zerfetzen und wir gendern den Tod und die Verwesung die unsere Erde zerstört und halten das Lebendige fest und lassen es sterben an unserer Sehnsucht.  Wir nehmen Seife in der sind Partikel die unsere abgetöteten Hautschuppen wegtragen irgendwohin ohne Grabstein. Alles ist tot. Tot wie die Bedeutung der Worte die wir durch ständige Nutzung kaltgemacht haben. Menschlichkeit. Was soll das schon sein außer der Wille alles zu töten immer und jede Sekunde. Gerecht. Nur der Tod. Wir töten beim Dichten denn auch das Wegstreichen eines Wortes ist Mord und wir töten den Wissensdurst wenn wir erklären. Auf jede Mahlzeit kommt ein Mensch der zerfällt und auch wenn wir gut über ihn denken ist er doch lange schon tot. Und weil alles Mord ist das Gehen und Kriechen das Ficken und Lachen und Essen und Schreien und Sehnen und Tanzen das Schnuppern und Streicheln selbst das Helfen und Spenden und das Preise verleihen ja das Denken selbst Denken und Freundsein und Feind ja weil wir Mörder sind immer und zu jeder Sekunde: haben wir alle lebenslänglich.

Text von mir aus BLINDE VERSUCHE ÜBER DAS TÖTEN im Literatur Quickie Verlag



WIE ICH REICH WURDE UND FAST ALLES WIEDER VERLOR


Der Mauerfall und Ich


Ich lag mit meiner Kommilitonin im Nachtbummelzug von Rostock nach Berlin und unsere tellerrund aufgerissenen Augen starrten sich im Dunkel verzweifelt an. Vor einigen Stunden hatte Schabowski sein NACH MEINER KENNTNIS IST DAS AB SOFORT ÄH UNVERZÜGLICH ins Mikro gebellt. Da hatte ich noch gelächelt und war in mein Wohnheimbett geschlüpft. JAJA DU MICH AUCH hatte ich gedacht. Nur schlafen konnte ich nicht und als zwei Stunden  später die Ossis in den Tagesthemen über die Grenzen wankten und tuckerten, hüpften und torkelten und  als verkündet wurde, am nächsten Morgen 6 Uhr 30 würden die Grenzen wieder geschlossen, man müsse ab dann Visa beantragen, sprang ich aus dem Bett, warf zwei Schlüpfer in eine Tüte, Klamotten in die Luft, schlüpfte im Sprung hinein, rannte über den Wohnheimflur, traf eine Kommilitonin (ein Studienjahr drunter) vor ihrem Zimmer, die mich ansah, entschlossen eine Umhängetasche wie einen Patronengurt überwarf und mit mir losstampfte, die Einwürfe ABER WIR HABEN MORGEN FRÜH AKROBATIK von irgendwelchen wahnsinnigen Strebern in den Wind schreibend...Sam Packinpah Filme kannte ich da noch nicht, aber er hätte uns einen Trommelrhythmus geschenkt, denn wir waren entschlossen, vor 6 Uhr 30 in Westberlin zu sein, koste es, was es wolle!
Bisher waren das 10 Ostmark für ein Ticket des Reichsbahnzugs von Rostock in die Hauptstadt des Arbeiter und Bauern Staates, der sollte gegen 6 in Berlin Ostbahnhof ankommen, von dort irgendeine S-Bahn zum nächstliegenden Grenzpunkt Friedrichstraße. Um 6 Uhr 30 sollten die Schotten wieder dicht gemacht werden. Es würde knapp sein, sehr knapp, furchtbar knapp! Monatelange Visabearbeitungszeiten, diktatorische Maßnahmen mit Waffengewalt, Masseneinknastungen, das Tor, dass sich vielleicht für immer zwischen Mordor und Auenland schloss, alles war möglich, eben ALLES...Da lagen wir also im Dunkeln, zitterten vor Aufregung, glotzten wie die Koboldmakis und schwiegen. Wir hatten vielleicht bisher eine Handvoll Sätze gewechselt, kannten uns nicht und ruckelten in einen ungewissen Morgen. Die Reichsbahn war damals eine Art Bullettrain auf Valium, langsam getaktet und schleichend, aber  pünktlich, lahm aber sehr genau....Mein Leben war an einem verzweifelten Punkt angekommen. Meine zwei besten, engsten Freunde, darunter mein liebster Bro, lebten nach langem Ausreiseleidensweg in Westberlin, ich war darauf eingestellt, sie in diesem Leben nicht mehr wiederzusehen. ALLES was mir wichtig war in meinen Twentys in den Bereichen Mode, Musik, Lebenskultur, Kunst, war in der DDR eingeschränkt, verpönt und illegal. Den Mut zum Ausreiseantrag hatte ich als echtes Muttikind nicht, meine Eltern und das Schauspielstudium ketteten mich an den Osten, ich fühlte mich verloren, zerrissen und einsam, am Arsch, in einer zwar abgesicherten, aber halbtoten, mutlosen und reglementierten, mit Alkohol gefluteten Welt, zu der man den Schlüssel weggeworfen hatte...Jetzt tuckerte ich endlos durch die Mecklenburger Einöde und konnte nicht aufhören, zu zittern. Was, wenn wir zu spät kamen? Was, wenn wir es schafften? Die Situation war unerträglich. Meine Gegenüberin vibrierte genauso und starrte zwischen Schock, Hoffnung und Angst. Wir taten das Einzige, was noch logisch war. Wir nahmen uns an den Händen, kamen mit den Telleraugen ganz nah und küssten uns verzweifelt. Und so zuckelten wir,  ineinander festgekrallt, einem ungewissen Morgen entgegen. Und die Schienen flüsterten NACH BERLIN NACH BERLIN, NUR NICHT NACH SCHWERIN. 
Wir wussten noch nicht, was für ein Trip, nur ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen, uns erwartete.....

Der Zug hustete in den größten Bahnhof Ostberlins und zwei wirre Gestalten stürzten aus der schwergängigen Tür, sprinteten  zum S Bahnsteig und fielen in die Bahn Richtung Friedrichstrasse: wir, ein in den Geschichtsgewitttern gemachtes Pärchen auf Zeit. Irgendwie hatten wir erwartet, dass hier alles voller herumflippernder schreiender Ostberliner wäre, die wie im Rausch  zu den Grenzübergängen hetzten.  Aber das war gar nicht so. Relativ gleichmütig fuhren Atze und Moni zur Arbeit und dies ängstigte uns sehr. Waren wir zu spät? Hatten sich die Schlagbäume wieder gesenkt, letzte Ausreisewillige niederquetschend und in einen Ost und einen Westteil zerschneidend? Auch auf dem Bahnhof Friedrichstrasse wirkte alles normal, zu normal und wir befürchteten das Schlimmste. Als wir die Treppe hinabstürzten und hinaustraten, sahen wir warum:
Hier herrschte keine Panik mehr. Hier herrschte die Macht gleichmäßig fließenden unaufhaltbaren Fleisches. Hier konnte keine Tür mehr geschlossen, kein Schuss mehr abgegeben und keine Grenzerkette mehr gebildet werden. Bis zum städtischen Horizont floss eine Masse limitiert angezogener Ostdeutscher auf den Grenzübergang zu, wurde eingeschlürft, es gab kein Stocken, und wenn man den Schritt hineingemacht hatte, dann gab es kein Zurück mehr, man konnte sich nur noch von Reibung tragen und da hinspülen lassen, wo es eben hinging. Die Menschen hatten Fakten geschaffen und von nun an, nicht später, nicht nach Verträgen und Gesetzen, nicht nach Politikern, die sich die Dinge auf ihre Westen schrieben, nein, von nun an schlugen die Uhren in einem anderen Takt. Meine Begleiterin Sonja (Name geändert)nahm mich an der Hand,  wir traten in den Fleischstrom und ließen uns mitziehen, an Apparaturen vorbei, die sonst der hermetischen Abriegelung dienten, vorbei an grossen, dicken Männern in Uniform, die erstaunlich viel Spass zu haben schienen, vielleicht deshalb, weil sie endlich etwas tun durften, was bei den Bürgern ihres Landes Freude und nicht Angst oder Hass hervorrief. Ein Stempel in den Perso, ein gemurmeltes NADANNVIELSPASS und wir wurden hinten oder vorne rausgespuckt, je nach dem wie man es sah:
 
IN.
DEN. 
WESTEN.: 

In einer Welt, die von der Corallwerbewoman angerührt worden war, denn alle Farben waren farbiger und frischer, sogar die Blätter am Boden waren bunter und es roch viel besser und die Hobbits  trippelten aus den Häusern und drückten die grinsenden Ossis mit  leuchtenden Augen und hielten sie fest und steckten Ihnen Fresspakete zu und öffneten Sektflaschen und verschenkten Stadtpläne und Dönerbuden gaben eine Runde Kalb aus. Ja das war so! Eine  tiefe Freude war da, eine Omma zog uns in ihre Charlottenburger Wohnung und fütterte uns mit Westbulette und Salamibrötchen, einfach so, wir hatten ja nüschte, ich hatte ne Bombe und Docs an, war ihr shitegol, (ich esse ja immer alles Geschenkte, schon immer, stopfte das alles rein) und auf die Frage SEIDA OS OSTBARLIN antwortete ich stolz NEE AUS ROSTOCK WARN RITT und die Oma erzählte von ihrem verstorbenen Mann, der irgendwo aufm Schlachtschiff gedient hatte und wir sassen auf Kohlen und weiter gings, wieder hinaus in diesen Taumel, die Leute hupten, die Türken der zweiten Generation johlten und winkten und uns war gar nicht klar was eigentlich los war, denn NIE, NIEMALS hatte irgendjemand von uns in Erwägung gezogen, dass das möglich wäre, irgendwann in WESTBERLIN  auf dem Kudamm die Werbung für den ersten Batman von Tim Burton zu sehen und wir umarmten uns und knutschten uns und wollten uns auch was KAUFEN und stellten uns bei der Commerzbank an um das Begrüssungsgeld abzugreifen. Die Schlange war riesig, egal, das ging schnell, selbst die Schalterbeamten waren total glücksbesoffen und schmissen grinsend die Penunzen umher und stempelten dir zur Not auch die Kohlenkarte. Wir warteten in der sich stetig bewegenden Schlange, als mich jemand am Ärmel zupfte. Eine Mittdreissigerin, streng angezogen, bewaffnet mit einer riesigen Brille musterte Sonja (Name geändert) und mich prüfend und fragteHI DO YOU SPEAK ENGLISH? Ich kann keine Sprachen, null, niente, non, schon gar nicht english, aber das roch nach Abenteuer, nach etwas NEUEM und ich sah Sonja an und fragte KANNST DU? NOOOOJAAA sagte sie unsicher..,..das reichte und ich nickte total eifrig YÄÄÄSSSS YÄÄÄSSS, die kleine anglophile Frau zog uns aus der Schlange und redete irgendwas mit ABC und Jennings und Interview und Dollars hörte ich und sagte ängstlichBUT OUR BEGRÜSSUNGS GELD! Die Frau nickte, ging mit uns vor zum Schalter, zeigte dem Banktypen irgendwas und er schmiss uns die DMark lachend entgegen und die Frau rannte,  uns zerrend, zum Kudamm an den Strassenrand und da stand eine achttürige Limousine (PULLMANN) und sie schubste uns hinten rein. Und da sassen wir in einem Auto wie wir das noch nie gesehen hatten, SO GROSS WIE EIN VERDAMMTES ZUGABTEIL. Die Frau schnatterte auf uns ein. Ich verstand nur Bahnhof und nickt fleißig und brummte zustimmend, Sonja übersetzte leise, sie glaube, wir führen ins Kempowski. ÄH WIESO? Fragte ich, aber da waren wir schon da und stürzten in das Hotel, in den Fahrstuhl und sie drückte auf die drei. Da hatten die Amis das gesamte Stockwerk okkupiert und generalstabsmässig umgebaut, überall rannten Typen mit Blättern rum und hatten die Hemden hochgekrempelt, redeten und riefen und schimpften, Monsterbrille drückte uns in zwei Sessel und ein riesiges Tablett in die Hand voller Schnitten mit Westleberwurst und Schwarzwälderschinken und Salami und Käse denn wir hatten ja nüschte und Sonja und ich assen das alles, packten was ein in Servietten für magere Zeiten, und die nette Brillenträgerin nahm uns wieder und schob uns zum Fahrstuhl, zum Pullmann (oder Chrysler), da rein und dann fuhren wir los und waren da und dann stiegen wir aus und da stand  etwas wie ein Boxring und der stand : vorm Brandenburger Tor!!!! Und überall Kameras und der Master of the ABC Universe und da stand eine Schlange vor dem Podest und da standen OB Momper und ex OB DIepgen und warteten auf ihr Interview und die kleine Frau schob uns zwischen die und da standen wir dann und hatten den Salat. Da standen wir, zwei ostdeutsche Schauspielstudenten, eingeklemmt zwischen Momper mit rotem Schal und Diepgen, zwischen rot und schwarz und das Allegorische daran fällt mir erst heute auf, als alter weisser Ax, der das aufschreibt. Auch andere Frauen und Männer standen in der Reihe, vor uns Massen von Objektiven und Scheinwerfern, hinter uns sich bewegende, auf und abwogende Menschenmassen, die auf der jetzt klein wirkenden Mauer, die die Welt geteilt hatte, tanzten, auf sie einklopften, hämmerten, sprühten, sie besteppten und sangen. Als Momp auf das Podest stieg zum Anchormann,  wurde mir erst so richtig klar, was hier abging. Meine Gefährtin und ich waren durch den Zufall (oder den Gott der Scheisse am Hacken) ausgesucht worden, die Stimme der Ostdeutschen an jenem denkwürdigen sonnigen Vormittag zu sein, hinübergesendet in die US amerikanische Nacht. Leider hatten sie sich ein Mädchen mit mittelmässigen und einen Typen mit gar keinen Englischkenntnissen ausgesucht. Ich konnte YES, NO, HAPPY und GOOD MORNING, das konnte ich, das wars und so langsam begann ich Schiss zu kriegen.Momp the oberhobbitt war fertig und ein Mann mit Headset bugsierte uns auf die Rampe. Ein beeindruckend geschniegelter ja geradehinzu sauber geleckt aus dem Ei gepellter Ami mit Mikro stand da und ich schob die Sonja (Name geändert) in seine Richtung. Die Kamera ging, das war voll live, anchorman sagte was in dem style, den man als Kind vorm Spiegel immer imitiert und wandte sich uns zu. Ich bekam furchtbare Angst, so alleine im Westen, jetzt auch live in New York und die Scheinwerfer, der grimmige Diepgen, der hochstarrte, im Hintergrund Wessis und Ossis, die auf der Mauer hopsten, dranherumfeilten und der gutaussehende Mann fragte uns was Englisches. Sonja zischte WIE WIR UNS FÜHLEN und sagte irgendwas in fließendem englisch und der hielt das mikro zu mir und ich brüllte HAPPY!!!IM SO HÄPPY!! GREAT!!! ITS GREAÄT!!! Dann wieder der Ami. Sonja zischte WIE DER WESTEN IST, antwortete in fließendem englisch  und er hielt das mikro zu mir und ich stammelte WONDERFUL, OLL SO WONDERFUL. GREAT!! ITS GREAT AND SO NICE!!! Es war November aber ich schwitzte wie ein Schwein. Der Anchorking fragte was und Sonja (Name geändert) zischte WAS WIR VON DER WIEDERVEREINIGUNG DENKEN und antwortete nix sondern sah mich auffordernd und irgendwie zurückweisend an. Alle Alarmsignale klingelte bei mir. Wir hatten ja vor, in den Schoss des Studiums zurückzukehren, aber alle gesellschaftlichen Folterinstrumente des Ostens waren ja noch intakt, wer wusste schon, wie alles weiterging, was die Stasi sich für Notizen machte, um später Rache zu üben, die Angst, die Angst, gezüchtet über Jahre, kroch mir den Nacken hoch und schlüpfte unter die Schädeldecke. Das Mikro hing mir vor der Nase. Ich hätte viel sagen wollen. Aber die Angst vor der eigenen Meinung (und die Unfähigkeit sie in einer Weltsprache zu formulieren), da war sie. Und das MUHAHAHAHA Stalins echote in der Ferne. Ich antwortete THATS DIFFIKULT Ä WÄRRY DIFFIKULT SING. MORE I KENN NOT SAY OVER THAT. guckte freundlich in die Kamera und fügte IM HÄPPI, VERRIE HÄPPI hinzu und ein ITS HERE SO NICE schob ich fröhlich hinterher. Das reichte den Amis. Wir wurden runtergewunken, die Brillenfrau zog uns ins freie Gelände, kramte in einer Brieftasche und drückte jedem von uns 200 Dollar in die Hand, umarmte uns und war weg.200 Dollar. Das waren ca. 400 Westmark, nach illegalem Kurs 4000 Ostmark. Die Kaufkraft Betrug in Westberlin ungefähr 25 LPs oder second Hand Klamotten noch und nöcher. In der DDR konnte man davon ein Jahr leben. Wir starrten auf die Scheine und uns an, unsere Münder zu grossen Ovalen geformt, mir entflüsterte ein tonloses SCHEISSE, wir waren schockgefrostet, denn Amerika hatte uns soeben zu reichen Zonis gemacht. Jeder hatte den Begrüssungshunni plus die 200 Dollar, also ca 500 DEUTSCHE MARK!!!!Das war faktischer Reichtum. Das war vielleicht sogar ein Farbfernseher oder dreißig Comics, achja comics muss ich ja auch noch kaufen, Platten, was noch, geile boots, mal sehen....büüüücher? Mhmmm......auf jeden Fall...Mühevoll in die Realität zurückkehrend schüttelten wir uns und staksten zur nächsten U Bahn Station, dem unterhaltsamen, absurden, aber auch etwas traumatischen Ende dieser Story, dieses Tages entgegen. 
Zuerst gingen wir zur nächsten Bank, wechselten die Dollar und wurden mit einem freundlichen WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND durch den Bankangestellten wieder entlassen. Niemals mehr sollte in den nächsten 10 Jahren ein Bankmensch so liebevoll zu mir sein. Doch heute hing der Himmel voller Geigen.
Wir sind viel, eine Summe von Leben. Ernährung, Erfahrung, Genetik und Prägung. Meine Mutter hatte durch geschicktes Einsetzen von Lob und Tadel, kombiniert mit hinterhältig kritiklosem Loslassen in der Pubertät einen Zustand von enger Bindung, ja irgendwie einem Gefühl von Bringschuld gegenüber meiner Zurweltbringerin in mir erzeugt. Kurzum: ich war das totale Muttikind. Ich machte einen auf Macker, aber ohne Mutti ging nix und wahr ich doch kein Italiener, so ahnte ich doch, wie es in jungen Römern aussah, wenn Mama über die Freundin schimpfte. Also ging ich in eine Westberliner Telefonzelle und versuchte meine Eltern anzurufen. Irgendein Zwang trieb mich dazu, meine Eindrücke mit Ihnen zu teilen. Ich wollte alles haarklein berichten, loswerden, mir vom Hirn reden. Jedoch selbst das Netz der Mega Deutschen Telekom war für den heutigen Tag nicht gewappnet. Es hatte sich hilflos und freiwillig auf den Boden gelegt. Nach 20 Minuten steten Besetztzeichens runzelte Sonja (Name geändert) langsam vor der Zelle die Stirn. Wir beschlossen uns für ein Stündchen zu trennen und verbissen versuchte ich es weiter, ohne Erfolg, es ging nichts mehr. Alle westostverwandschaften  telefonierten in diesem Moment und für meine kleine Überbindung war kein Platz mehr. Jeder andere Mensch hätte den Tag genossen und seine Erlebnisse später entspannt bei vitacola und ostbrötchen geschildert. Nicht ich. Ich, ein 22 jähriger Mann mit kurzen Haaren, in Bomberjacke und Springerstiefeln, wollte zwanghaft Mutti und Papi alles erzählen.Im Osten besass ja nun nur jeder 10te ein Telefon und wenn man schnell etwas verlässlich mitteilen wollte, schickte man ein TELEGRAMM. Es konnte dir passieren, dass es klingelte und der Postbote übergab dir einen Zettel auf dem VERSPÄTE MICH STOP UM 25 MINUTEN STOP DEIN ULF STOP stand. Telegramme waren das Nottelefon des Ostens und kosteten, wie quasi alles ausser Redeundreisefreiheit: Nix! Also beschloss ich, ich schick ein Telegramm und als ich an der Postfiliale ankam, die ich erfragt hatte, stand da wieder so eine Begrüssungsgeldschlange. Mir fiel ein, dass der Commerzbankschalterling uns nach Aufforderung der bebrillten CIA äh ABC Frau den Hunni ohne Stempel gegeben hatte. Geldgierig und schon an die Konsumgesellschaft verloren, stellte ich mich, PROBIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN denkend, nochmal an und richtig, ohne Einwände erhielt ich noch mal 100 westmark, diesmal mit Stempel.Ich war nun ein Millionär. 600 westmark. Ich war reich , bereit die neue Welt zu erobern!!! Ich war unzerstörbar! ICH WAR KEIN OSSI MEHR!! 
Aber erstmal musste ich Mutti das Telegram schicken. Ich stellte mich an den Schalter nebenan und liess mir ein Telegrammformular aushändigen. Fröhlich schrieb ich, beflissen ins Detail gehend, Erlebnis um Erlebnis auf, beschrieb meine Gefühle, erzählte und berichtete ALLES.Ich stellte mich wieder an den Schalter, der Postbeamte nahm das Formular und sah mich komisch an.SIE WOLLEN DAS ÄH ALS TELEGRAMM ABSCHICKEN....ÄH...?OH JA strahlte ich. INS AUSLAND?JAJA! NOCH! lachte ichSIND SIE SICHER?... druckste erTOTAL!!! lächelte ich.Gut. Er ging mit dem Kuli die Dina 4 Seite durch, zählte stumm und murmelte, nach etwa 10 MinutenDAS WÄREN DANN....ÄH ....DAS WÄREN DANN 380 MARKIch erstarrte. Schweissbäche flossen los. Mein Geld, mein schönes Geld, das ganze Geld, erkämpft, erhalten, all das Westgeld. Aber hier, die Menschen in der Schlange, die Westdeutschen, mit Briefen und schon wartend, der Schaltermann, für mich eine Respektsperson, wie alle hinter Schaltern, Verkaufstresen, hinter Schreibtischen für mich mächtige Menschen waren, für einen Ossi, die Angst, mich zu blamieren, die Sehnsucht dazuzugehören, die Sehnsucht keine Fehler mehr zu machen, die Angst vor Schimpf, Schande, vor Versagen....Ich hätte nur NEIN sagen müssen. Den Wisch nehmen und zerreissen, allen einen schönen Tag wünschen und pfeifend in den Sonnentag spazieren, zum nächsten Plattenladen, in die Stahlbar, ins Niagara, Becks trinken, glücklich sein, doch das tat ich nicht.Ich zahlte das Telegramm. Ich zahlte es an den erstaunten Postbeamten und schlich aus dem Postamt, nur noch im Besitz des doppelten Begrüssungsgeldes. Ich traf Sonja (Name geändert) und erzählte es ihr nicht. Ich kaufte mir im Plattenladen 2 LPs und einen Comicband und hatte noch 80 DM. Ich klaute dann im New Yorker 2 Tshirts. Ich hatte ja nüschte.Ich war am Boden und erzählte es nicht...Wir waren noch 2 Tage in Westberlin. Mein bester Freund gab Asyl. Wir weinten und lachten. Es wurde noch eine herrliche Zeit und ich verdrängte meine Niederlage am Postschalter.. Sonja und ich kehrten später in unsere Studienklassen zurück und in unsere persönlichen Verhältnisse. Jahrzehnte sind vergangen und alles hat sich verändert. Aber ich, der ich das Gefühl habe, als denken die Schörmänns heute irgendwie, man müsse sich dafür schämen, dass man einmal dachte, wir gehörten doch zusammen, ich denke in diesen Tagen immer wieder an  diesen völlig durchgeknallten Tag. Ich umarme scheinbar völlig grundlos westdeutsche Freunde, meine Frau, meine Söhne und freue mich darüber, dass sie es völlig unverständlich finden, worüber ich rede.Sie lassen mich gewähren.

P.S. Meine Eltern fragten mich eine Woche später, was dieser Schwachsinn mit dem Telegramm sollte. Ich hätte das doch später alles erzählen können.







 

Rechts links oben unden
Lieber Gott heil unsre wunden


Die Schörmänns und ihr Universum in Schubladen


Des Deutschen liebster Fetisch ist die Kategorie. Alles muss kategorisiert sein, sicher eingeordnet, mit einem Gütesiegel versehen, gestempelt, unter einem Oberbegriff gesammelt und ordentlich im gewienerten Aluminiumregal des Oberstübchens  abgelegt.
Keine Meinung ist differenziert genug, um nicht auf ein einfaches LINKS oder RECHTS reduziert, keine Emotion zu kompliziert, um nicht in eine Schublade gepackt zu werden. Als wäre die Welt ein Karteikasten, stolpert der deutsche Einordner durch die Realität und legt die Dinge unter, GUT, BÖSE, BEDROHLICH, FORTSCHRITTLICH, USW. ab. Alles Widersprüchliche soll durch diese Wirklichkeitsbetrachtung weggezaubert werden. Denn der Widerspruch ist der Todfeind, die  Atombombe des Kategorisierens. Er bedroht die einfache Interpretation der Welt und damit ihre innere Sicherheit. Leider besteht die Welt fast ununterbrochen und  nur aus Widersprüchen, was für den deutschen Kategorisierer die Angelegenheit sehr kompliziert macht. Plötzlich gehen unter Untergang abgelegte Dinge nicht unter, sondern total auf,  unter Irrsinn kategorisierte Menschen tun kluges, Friedenspreisträger töten, Grobschlächtige sind zart, Ausländer reden hochdeutsch, Flüchtlinge sind bedrohlich, Bedrohliche sind hilfsbereit usw usw etc pp... 
Also muss der Kategoriefetischist anfangen, sich und alle Anderen zu belügen. Er behauptet, die Kategorien hätten die Macht. Und verbannt die Widersprüche ins dunkle, allgemein bedrohliche Reich des Kranken und Bösen und Unauszusprechenden.  
Der Widerspruch aber ist gar nicht gut oder böse. Er ist einfach da und lacht nicht mal. Er ist da und wird immer grösser, in seiner Schublade, bis es gewaltig knallt und das ganze Begriffsablagesystem in die Luft geht. Alles purzelt durcheinander und die Verzweiflung ist gross. Aber nicht lange und es kommen neue, frisch ausgebildete Kategorisierchampions, die machen Reinschiff und bringen alles blitzeblank in Ordnung. Sie ordnen die in die Luft gegangene Welt unter ca 14 Überbegriffen mit jeweils 2 Unterspalten tippi toppi ein und streiten sich dabei nur ein bisschen, welcher Begriff WICHTIGER ist. Darüber wird demokratisch alle 4 Jahre abgestimmt. Und so weiter.






 


GENIAL, DEUTSCHE BAHN!

Ein Jahr waren wir getrennt. Wütend hatte ich mein Erlebnisabo gekündigt und war zu meinem Verbrenner zurückgekehrt. Und ich schämte mich. Sturzregen, Trockenheit und Winterstürme waren auch Ergebnis meiner Amüsiersucht, die, durch drei bis vier völlig erlebnisarme Fahrten in deinen Panzerzügen enttäuscht, sehnsüchtig auf die Strasse drängte um dort doch nur lange Staus und irre, lebensmüde Menschen auf dem Schleudersitz der Überholspur zu finden.
Aber ich habe ein Gewissen. Und das trieb mich heute in deine Arme, auf deinen Bahnsteig, ängstlich wartend, ob mein widererwachtes Verantwortungsbewusstsein durch dich bestraft würde mit Ignoranz und Langeweile.
Wie gerührt siehst du mich nun! Du bist eine grosse alte Liebe, der die Trennung und Verwitterung des Alters nichts anhaben kann! So lass mich nun berichten, aber nicht werten, nur erzählen und mich verneigen vor Deiner bedingungslosen Zuneigung:
Da stand ich, voller Erwartung und Angst, unsere Reunion sei gezeichnet von Ödnis.
Viele andere Menschen voller Verantwortungsbewusstsein standen um mich, mehrere Schulklassen, sehr viele Menschen älteren Semesters und, inmitten der hunderte, hier und da auch richtig alte Menschen, gerüstet mit Rollator und Stock.
Als deine umtriebige Zentrale eine 15 minütige Verspätung ankündigte, ging ein Vibrieren durch mich. Ich senkte den Kopf und flüsterte ein ergebenes DANKE. Ich hatte eine Platzkarte gebucht im Wagen 23 und war nach angegebener Wagenreihung zum vorbestimmten Platz am einen Bahnsteigende geschlüpft, so wie viele Omis und Opis und fröhlich zwitschernde Sport und Reisegruppen. Dann fuhr nach etwas Weichkochzeit dein Flaggschiff ein. Als deine Wägen an uns vorbeiruckelten standen an den elektronischen Anzeigen derselben ganz andere Nummern, viel Höhere und der Zug war geteilt! Dieses Ende blieb in Frankfurt. Ein Raunen, bei den Rentnern auch Stöhnen, setzte ein. Die Massen ergriffen ihre Taschen und hoppelten los, hin zu den Reisewilligen vom anderen Ende, die uns grimmig entgegenströmten. Wie einst im INFINITY WAR die Avengers auf Thanos Horden, prallten die Gruppen machtvoll aufeinander, Rollkoffer verhakten, Ellenbogen versenkten sich in weiche Stellen, Fluchen und Lachen vermischten sich und manch einer strauchelte. Ich grinste und flüsterte einen Dank OH IHR LIEBLINGE, denn endlich spürte ich wieder Adrenalin in meinen Adern.
Nach 300 Metern des Kampfes landeten wir mit pfeifenden Lungen vor dem Wagen 23, die Tür geöffnet, und ein Fleischknubbel bildete sich, während die Leutchen, schwitzend und verzerrten Gesichtes einstugen. 
Da setzte die Zentrale die Stufe 2 im HASE IGEL PROJEKT in Ablauf. Fröhlich blinkten die elektronischen Anzeigen zwei drei mal im Rhytmus  eines mittelschnellen Raves auf und schalteten um. Da stand auf einmal die Wagennummer, vor der wir geflohen waren. Eine gigantische Ahnung von Becketts Universum durchdrang die Anwesenden. Murren wurde zu Kreischen und betrunkene Jugendfussballer grölten begeistert. Eine Oma zog die Omi, die gerade die Stufen heraufklomm am Pulli zurück und schrie WIEDER ZURÜCK MARTHA. 
Ein empörter Mittvierziger, eingebildet und hartherzig, brüllte die erstaunte Zugbegleiterin an: SCHWEINEREI! UUUNFASSBARE SCHWEINEREI!
Nun bezweifle ich, dass Schweine in Ihren Transporten Sitzplatzreservierungen beachten müssen und feixend flüsterte ich OH IHR GIGANTEN.
Eine umgekehrte Wagenreihung war lächerliche Amateurliga, aber sie einfach doppelt hin und her springen lassen, das war einfach, effektiv und genial. Und wieder, nur kaputter und noch grimmiger, stürzten die Heere aufeinander zu, um sich ineinanderzuwickeln, wieder zu lösen und keuchend nach den zurückgereihten Wagen zu suchen. Und manche Bandscheibe, mancher Fuss, mancher Geist knackte und wimmerte. Und wer liegenblieb, hatte ein Begräbnis mit Militärischen Ehren verdient.

Nun sitze ich hier und bin vergnügt. Um mich atmen die Menschen schwer und Herzschrittmacher fiepen. Aber sie spüren sich, verdammt noch mal.
Ich bin heimgekommen und Du, Bahn,  hast mich umarmt.
Obwohl ich erst eine halbe Stunde fahre, habe ich bereits zwei Stunden Verspätung. Das geht. Ein Zug steht kaputt auf der Schnellstrecke Köln Frankfurt und wir fahren rechtsrheinisch. Nicht Schnelligkeit sondern Schönheit, nicht Zeitökonomie sondern Sport und Landschafrsgenuss. Über den Lautsprecher batest du um Verzeihung, doch die Götter in der Zentrale, ich weiss es, lächeln weise. Ich lehne mich zurück. Ich warte. Ich bin nach Hause gekommen...und Du, Mutter Bahn, hast mein Zimmer unverändert gelassen.

Vom Himmel in die Hölle


Eine verdienstvolle, sich gegenseitig  bereichernde Partnerschaft bringt auch Gefahren mit sich. Gewohnheiten formen grundsätzliche Erwartungen. Und so stand ich unsicher auf dem Bahnsteig des Düsseldorfer Hauptbahnhofs, hatte ich doch Sorge, meine hochgesteckten Erwartungen an die DB Erlebnisabteilung könnten diesmal bitter enttäuscht werden. Als Besitzer der ABENTEUERCARD bin ich verwöhnt und so machten sich Angst und Skepsis breit, wurden doch kurz vor Einfahrt des OHNE Verspätung einfahrenden Zuges weder eine umgekehrte Wagenreihung, noch der Ausfall des Platzkarten Systems bekanntgegeben. Etwas irritiert stieg ich in den wie zum Hohn genau vor mir haltenden Waggon, in dem ich meine Platzkarte gebucht hatte. Der saubere Wagen war nur mittelvoll besetzt und meine Reservierung nicht doppelt vergeben. Eine extrem gutgelaunte Zugbegleiterin machte sich charmant scherzend über meine Fahrkarte her und ein freundlich beflissenner Mitropabutler kredenzte Kaffee und Croissant. Die Langeweile legte sich sofort wie Nebel auf Alles und empört überlegte ich unter welcher Telefonnummer ich mein Erlebnisabonnement zu kündigen habe. Miesepetrig starrte ich aus dem Fenster und betrachtete enttäuscht, ja regelrecht angepisst die vorbei rasenden Schienen auf dem Weg nach Frankfurt am Main…
Beim Umstieg hielt das perfide Spiel an. Das ganze war widerwärtiger Weise so konzipiert, daß man nur auf den Bahnsteig gegenüber schlurfen musste. Stinksauer stellte ich fest, daß die Raucherinsel offen war, und zog hasserfüllt an meinem Glimmstengel. Ich fühlte mich verraten, verkauft, missbraucht. 
Wie ungerecht war ich geworden. Verwöhnt wähnte ich mich als Opfer, hatte ich doch nicht mit den Spitzenkräften der Abenteuerabteilung gerechnet, mit den ausgeklügelt ausbaldowerten Strategien, entworfen allein um die pervertierten Gelüste von uns Extremsportlern zu befriedigen. Schnell wurde klar: ich SOLLTE mich in trügerischer Langeweile suhlen. Umso stärker sollten die Erfahrungen ihre Wirkungen entfalten, wenn die Leitzentrale PHASE II einläutete. Und das tat sie jetzt:.Die Phase mit der Wurst! Da stand ich nun und zerrte an meiner Kippe. Ich fühlte mich alleingelassen und spürte mich kaum noch. Taubheit eroberte Arme, Rumpf und Geist. Fast hätte ich in meinem Trübsinn die Ansage überhört, die eine 5 minütige Verspätung meines Anschlusses ankündigte. Der Grund, teilte die hessische Androidenstimme mit, sei eine REPARATUR AM ZUGE. Ich war elektrisiert. Ich wusste was das bedeutete. 5 Minuten? Bei einer Reparatur am Zuge? Wie sollte das gehen? Schickte die DB ihr Sondereinsatzkommando, um, wie in einem Konchalovsky Streifen, bei 240 kmh aussenbords haarscharf den vorbeirasenden Masten ausweichend, sich Millimeter um Millimeter vorzukämpfen und mit Eiszapfen im Bart Einschusslöcher in Faustgrösse abzudecken, nur um die Verspätung auf 5 minuten zu begrenzen? Ich musste lachen. Nein. Das roch nach der Abteilung ABENTEUERCARD! Sie konnten nur die Phase 2 eingeleitet haben: die SALAMITAKTIK!!! Und während die Andern ihre Rollkoffergriffe erwartungsvoll auszogen, lächelte ich glücklich, wusste ich doch was kommen würde....Und richtig, nach Ablauf der 5 Minuten erklang die Stimme wieder.  Erneuerte die Frist um 5 Minuten. Während andere begannen, nervös zu trippeln, freute ich mich wie ein Kind. Kannte ich doch diesen Schachzug aus manch früheren Abenteuern. Wie eine Königsbauerneröffnung. Bekannt und vertraut. Ich war zu Hause...Nach zwei erneuten 5 Minutenverlängerungen wurden die Salamistücke vorsichtig dicker geschnitten, es kamen noch 2 Zehnminüter und ein Abschluss 15 Minüter und während die Rollkoffergriffe im Rhythmus der Ansagen,klackerten,  lehnte ich entspannt an mir selbst. Nach 55 Minuten Reparatur am Zuge fuhr das schnittige Tier ein. Seine Schnauze schien  höhnisch (oder war das vielversprechend?) die Zähne zu bleken. Um mich herum stiegen schwer verstimmte Geschäftsreisende und irritierte Rentner ein. Ich jedoch war wach. Und lebendig. Ich drehte mich zu einer der Kameras und lächelte wissend. Mit dem Finger hin und her wackelnd, formte ich mit den blau gelaufenen Lippen lautlos ein DUDUDU IHR SCHELME! Dann stieg ich ein. Jede Sehne, jeden Muskel gespannt. Wie ein Jäger auf der Jagd. Noch wusste ich nicht, daß ich der Gejagte sein würde. Ich stieg in den Zug. Merkwürdig war das. So fremd....Ich fühlte mich gar nicht heimisch, sondern irgendwie vergewaltigend beschützt.  Es war wie in einem Traum eines sehr unsicheren Menschens, der sich nach Hermetik und der dauerhaften Umarmung von Mutti sehnt. Ich stellte fest, daß ich den Gang der allerneusten Generation der stolzen ICE Flotte entlangschritt. Das war der GALACTUS der Züge. Fugenfrei und grossflächig abgeschlossene Wände in hundekackbraun vermittelten den Eindruck einer Kreuzung aus Studentenwohnheim und Panzerzug während der Oktoberrevolution. Oh ich war so gespannt.Wer, so wie ich, Zugfahrten zum Teil des eigenen Lebens gemacht hat, der weiss, das eine Reise ohne Vollkornschnitte wie Sex ohne Vorspiel ist. Die mikrogrossen Brotscheiben werden mit unnachahmlichen formgouda belegt und mit einem fetten Klecks Krautsalat bestückt, welcher das ganze während der Lagerung durchsuppt und verzehrfähig macht. Ich beschloss also, nachdem ich im Panzerzug Platz genommen hatte, eine solche Schnitte und einen Kaffee zu erstehen und machte mich auf den Weg in den Speisewaggon.Der Sprinter sprintete ja mit 55 Minuten Verspätung und versuchte mit Vollgas etwas davon gut zumachen.Ich wurde mehrmals mit dem Becken an Rentnerköpfe geworfen, streichelte fremde Ellbogen mit dem Hoden, einem Herrn trat ich nur fast auf den Fuss und schließlich öffnete sich die Schiebetür zur Mitropa und ich vergass , zu atmen.Eine riesige halbrunde Theke in einem blitzsauberen Raum ganz im Stil von Ritz und Hilton,  zumindestens aber dem Bäcker in Charlottenburg, lud zu viktorianischer Schlemmerei ein.... Ich musste glucksen....Natürlich tat sie das nicht, denn sie war leer, ratzeputze leer stand sie da, diese Kolossin der Schienenstrangbewirtung. Mit Sandpapier abgeschmirgelt.... Aber eben leer. ICH H@TTE GERNE EINE VOLLKORNSTULLE. säuselte ich. HAMMANICH antwortete der gedrungene Fleischergeselle dahinter mit gespielter Muffeligkeit. ÄH...WAS HABEN SIE DENN?NIX ZU ESSEN. NUR KAFFEE UND WASSER. MIT BLASEN. Natürlich meinte er, daß dem schweineteuren Leitungswasser noch Kohlensäure reingedrückt worden war. Dabei sahen mich seine Äuglein rot und voller Verachtung an. Er war so toll im Rollenspiel ausgebildet, ich gluckste, und kaufte Kaffee und Wasser...zwinkerte ihm wissend zu und  beim Hinausschaukeln glaubte ich zu bemerken, wie Schweinchen den Daumen in eine DeckenKamera reckte... Am Platz trank ich den Kaffee und las ein bisschen corona porno, süffelte das Wasser und nickte ein. Im Traum fuhr der Panzerzug im Bahnhof ein, schoss scharf aus den Scharten, eine Mutter sank nieder, ihren Kinderwagen losslassend, welcher die Treppen..... Ich erwachte und musste tierisch pissen. Flux stand ich auf und ging zur nächsten Zugtoilette. Mhmm. Abgeschlossen. An der Tür ein gelbes Blatt mit diagonalen roten Strich. Ausser Betrieb. Dann eben rechts daneben. Oh. Auch ausser Betrieb. Gleiches Schild. Ich musste wirklich sehr doll pissen! Während ich im nächsten Wagen wieder hin und hergeschleudert wurde, freute ich mich schon auf dieses herrliche Gefühl der Erlösung, wenn die Schotten hochgefahren und die Sturzflut losbrechen kann. Aber tief in mir ahnte ich auch ICH STECKE MITTEN IN PHASE IV. vor der nächsten Tür standen eine Oma und zwei junge Männer an. Die Klowartezeit mit dem Handy vertippend. Ich musste so pissen, daß mir der Unterleib zu implodieren drohte. Zitternd stellte ich fest, dass auch die Toilette daneben AUSSER BETRIEB WAR. oh ihr Schlingel, fluchte ich. Und schleppte mich schwitzend zum nächsten Klo, dem Letzten vor der Mitropa und der ersten Klasse. Auch zu! Allerdings stand auf jener Tür CATERER. OH das PRIVATKLO DES FLEISCHERGESELLEN OHNE WARE!!!! fluchte ich. Daneben war das Büro der Zugbegleiter, davor stehend ein schnittiger junger Angestellter. Ich presste einHIER SIND ALLE KLOS AUSSER EINEM KAPUTT heraus. ICH WEISS.WAS SOLL ICH TUN ICH MUSS SO .TJA er sah kryptisch in Richtung der ersten Klasse. DORT STEHN SIE AUCH AN. VERDAMMT, ICH MUSS DOCH VERNÜNFTIG AUFS KLO GEHEN KÖNNEN BEI DEN TICKETPREISENknirschte ich.(Ich konnte nur noch gebückt stehn.) Beim Wort verdammt streckte sich der Mann und seine Hand fuhr zum Gürtel, aber da war ja kein Stromteaser, ein Glück, nur sein Lesegerät, und er blaffte: HÖRN SE MAL WIR HABEN HIER SELBER PROBLEME NICH NUR SIE!Ich erschauderte vor Schmerzen und AdrenalinEHHH KEIN GRUND SO AGRESSIV ZU WERDEN...SIE SIND SELBST AGRESSIV!!! tadelte Er. ICH MUSS JA AUCH PISSEN UND DARF NICHT!!! schrie Ich kiecksend und schleppte mich zurück. Kennt jemand das Gefühl,  die Gabe, den Urin einzuhalten, gleich zu verlieren? Es ist nicht nur schrecklich. Es ist der erste Schritt ins Fegefeuer. Ungeheure Schmerzen durchwogten mein Becken und der Urin klopfte ans letzte Schott. Der Schweiss tropfte und lief überall hin. Und eine Ahnung machte sich breit. Eine Erinnerung an Kindertage und das Gefühl von warmer Flüssigkeit, die die Hosen und Schenkel flutete um die Socken zu füllen. Ich kam zur einzigen offenen Toilette. Sie war besetzt, doch die Schlange davor verschwunden. Ich war kein Mensch mehr. Sterne flimmerten im Gesichtsfeld während ich durch die Hosentasche die letzte Bastion gegen die Flut aufbaute. Ich hielt das Schwänzlein einfach zu. Gerade als ich dachte, ich müsse jetzt hier offen und ehrlich auf den taubenblauen DB Teppich pinkeln, öffnete sich die Tür und die Rentnerin kam raus, sah mich, erschrak und wollte unwillkürlich ins Klo zurück, machte dann aber irritiert Platz um erstaunlich schnell davonzudackeln. Im Klo sah ich warum:Das Becken mit kiloweise Papier verstopft, eine braunweisse Brühe bis zum Deckel stehend, Kotbrocken schwammen einen Ringelreihen..... Keine Chance mein Wasser mit Blasen dazuzutun. Der Damm aber war kurz vorm Bruch!Gut. Das Waschbecken lächelte mich liebevoll an. "Öööösss giiiibt Momääänte, doo muuuss man sich entscheiiiiiiiiiden!" sang es im Falsett.. Ich holte ihn raus und tat was ich tun MUSSTE. Dieser Moment war einer der Wunderbarsten in meinem Leben. Hochzeit. Geburt. Panzerzug. Schier unerträgliches Leid wurde umgewandelt in Leichtigkeit. All der Schrecken floss aus mir und ich wusste sie wieder zu schätzen, die einfachen Dinge des Lebens. Ich wusch mir die Hände und verließ das WC. Eine kleine Schlange hatte sich gebildet. DAS WAR ICH NICHT sagte ich und federte zu meinem Platz. Die ABENTEUERCARD Abteilung hatte gesiegt. Ich war in eine neue Bewusstseinsstufe gehoben worden. Man hatte mich zerstört und neu aufgebaut. Zu gelassenem, tänzelndem Fleisch. Geburt. Tod. Wiedergeburt als einsichtiges Menschlein im Weltengefüge. Beim Aussteigen fragte ich die Zugbegleitung: WAS HATTEN SIE DENN FÜR EINE REPARATUR? lächelnd antwortete sie: WELCHE REPARATUR?






 

Mhmmm. Luft. Lecker.

Axel Holst